
![]() Der letzte Schlag gegen Polio in IndienEine Reportage der englischen Tageszeitung The GuardianFotograf: Jean-Marc Giboux/guardian.co.uk Für die englische Tageszeitung The Guardian hat die Journalistin Sarah Boseley den Impfeinsatz von 86 britischen Rotariern in Lucknow, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Uttar Pradesh, begleitet. In der Ausgabe vom 27. November 2009 beschreibt sie in einer Reportage, vor welchen besonderen Schwierigkeiten die Kampagne gegen Kinderlähmung in Indien steht. Ein Augenzeugen-Bericht aus erster Hand.„Auf einem Schulhof in Lucknow wird an diesem Sonntagnachmittag der letzte Schlag in einer heldenhaften Kampagne zur Auslöschung der furchtbaren Kinderlähmung geführt. Unter Scharen von neugierigen Kindern bringt Afsar Jahan ihren vierjährigen Sohn Mohamed Yusuf zu dem großen Holztisch unter gelben Bannern. Er versteht nicht, was man von ihm will, legt aber artig den Kopf in den Nacken und öffnet den Mund für die beiden Impftropfen. Seine weniger glückliche Schwester Saba Banu (12) steht dabei. Sie ist auffallend hübsch in ihrem blauen Sari, während ihr deformiertes Bein an ihren Krücken hin und her baumelt. Sabas rechtes Bein ist von Polio gelähmt, seit sie zwei Jahre alt ist. In diesem Land der großen Familien und der verzweifelten Armut sind behinderte Kinder verloren: Ihnen bleibt allenfalls ein Leben als Bettler auf den Straßen. Afsar Jahan will das verhindern. ‚Ich verschaffe Saba die bestmögliche Ausbildung, um ihre Behinderung auszugleichen.’ Wie alle Eltern würde sie Saba gern verheiraten, weiß aber, dass diese Aussichten für ihre Tochter zerstört sind. Afsar Jahan ist deshalb unermüdlich dabei, für die Immunisierung in ihrer Gemeinde zu werben. ‚Ich habe für meinen Fehler bezahlt’, sagt sie. ‚Nun sage ich allen: Macht bitte nicht denselben Fehler.’ Die Impfkampagne in dem am dichtesten besiedelten indischen Bundesstaat Uttar Pradesh soll verhindern, dass weitere Leben wie das von Saba durch Polio ruiniert werden. Niemand weiß, wie lange der Kampf noch dauern und wie viel mehr Einsatz erforderlich sein wird. Und auch ob man am Ende trotz der gewaltigen Fortschritte überhaupt erfolgreich sein wird, ist nicht garantiert.“Soweit der Guardian im Originalton. Sarah Boseley zitiert dann Oliver Rosenbauer von der Weltgesundheitsorganisation WHO mit der Aussage: „In Indien liegt der Schlüssel zu einer Polio-freien Welt.“ Das Land habe Nigeria abgelöst, das lange Zeit als das schwierigste Gelände galt. Seitdem sich dort die Ministerpräsidenten aller Bundesstaaten zur Unterstützung der Polio-Kampagne verpflichtet haben, hat es bemerkenswerte Fortschritte gegeben. In dem ehemaligen Polio-Epizentrum Kano im Norden Nigerias sei seit sechs Monaten keine Infektionen vom Virus Typ-1 mehr aufgetreten. In Indien, so Rosenbauer laut Guardian, sei man ebenfalls „sehr, sehr nah dran“, diesen Virus auszulöschen. Typ 2 ist bereits verschwunden. Allerdings stellen sich riesige Herausforderungen: „Die Immunisierung in Indien läuft sehr erfolgreich“, zitiert die Zeitung Rosenbauer, „die Impfteams erreichen mehr als 95 Prozent aller Kinder. Aber: Es gibt eine halbe Million Geburten jeden Monat in Uttar Pradesh, außerdem sind die schlechten sanitären Verhältnisse und das tropische Klima hinderlich für die Unterbrechung der Übertragungskette.“ Doch das ist nicht alles: Wegen fehlender Dokumentationsmöglichkeiten müssen die Kinder immer wieder geimpft werden, die meisten bekommen im Zuge der regelmäßigen nationalen Impftage fünf oder sechs Dosierungen pro Jahr, wie Boseley recherchiert hat. „Daraus erwächst die Gefahr der Impfmüdigkeit“. Und auch die Rotarier sind ermüdet von den ständigen Impftagen, bestätigt der Vorsitzende des indischen PolioPlus-Komitees, Deepak Kapoor, den Besuchern aus Großbritannien. Er sieht als Nebeneffekt ihres Einsatzes auch die Stärkung der Moral bei seinen rotarischen Freunden. Sie sind vor allem mit Werbe- und Mobilisierungsmaßnahmen beauftragt, nachdem die Impfungen selbst weitgehend von Regierungsbehörden übernommen wurden. Allerdings scheint die Werbung an ihre Grenzen zu stoßen, immer weniger Familien bringen ihre Kinder zu einer der 2.709 Impfstationen in der Stadt. Die meisten warten auf die Hausbesuche, die im Nachgang der Impftage folgen. Hier allerdings hat Boseley zwei Gruppen identifiziert, die nur schwer aufzuspüren sind. Die eine sind die Kolonien von Wanderarbeitern in den Ziegelfabriken, die andere sind Slumsbewohner. Und eine dritte Gruppe wird ebenfalls den HRA zugerechnet – den High Risk Areas (besondere Risikogebiete), allerdings steht HRA hier für „high rise apartments“ und spielt auf die wachsende prosperierende Mittelschicht an, die in Hochhäusern wohnt und deren Kinder bereits immunisiert sind. Sie reagieren zunehmend unwillig, wenn ihre Kinder immer wieder den Mund für die Impftropfen aufmachen sollen. In vier Gebieten am Stadtrand von Lucknow hat Boseley rund 200 Fabriken mit Ziegelbrennöfen gezählt, wo tausende von Wanderfamilien mit der Ziegelherstellung beschäftigt sind. In der Regenzeit ziehen sie weiter – und nehmen das Virus mit. In einigen dieser Fabriken sind Besuche von Impfteams dokumentiert, in anderen hat man sie noch nie zu Gesicht bekommen.Da ist die Situation in den Slums ungleich besser, vor allem dank der Aufklärungsarbeit des Muslimführers Khalid Rasheed, Präsident des indischen Ulema-Rates. Ihm und seinen Mitstreitern sei es gelungen, die Vorbehalte in der muslimischen Bevölkerung gegen die Impfungen weitgehend zu zerstreuen – mit bemerkenswerten Erfolgen: Noch vor einem Jahr traten 70 Prozent aller Polio-Fälle unter Muslimen auf, die aber nur 30 Prozent der Bevölkerung stellen. Heute gibt es in dieser Gruppe noch 30 Prozent der Fälle. Für das nächste Jahr, so Boseley, haben die indischen Religionsführer eine Reise nach Nigeria geplant, um dort die Gründung eines muslimischen Impf-Förderkomitees nach indischem Vorbild vorzubereiten. Am Ende der Reportage wird noch eine Gruppe erwähnt, die von diesen Impftagen in Lucknow profitiert: die 86 britischen Rotarier, die mit bewegenden Eindrücken nach Hause zurückkehren. Sie werden ihren Clubfreunden berichten und deutlich machen, warum weitere Spenden notwendig sind. Boseley: „Die Botschaft ist ernüchternd, sollte doch dieses Projekt bereits seit fast zehn Jahren abgeschlossen sein. Und die Sorge besteht, dass die G 8-Länder ihre Finanzierungszusagen vernachlässigen könnten. Aber wie auch immer: Sie werden ihren Freunden ohne Zweifel erzählen, dass es nur noch eines letzten Schlages bedarf.“ (Bearbeitung: ms) Der Originalartikel ist hier zu finden: http://www.guardian.co.uk/society/2009/nov/27/polio-india-immunisation ![]() |
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In der Ausgabe vom 27. November 2009 beschreibt sie in einer Reportage, vor welchen besonderen Schwierigkeiten die Kampagne gegen Kinderlähmung in Indien steht. Ein Augenzeugen-Bericht aus erster Hand.
Die Impfkampagne in dem am dichtesten besiedelten indischen Bundesstaat Uttar Pradesh soll verhindern, dass weitere Leben wie das von Saba durch Polio ruiniert werden. Niemand weiß, wie lange der Kampf noch dauern und wie viel mehr Einsatz erforderlich sein wird. Und auch ob man am Ende trotz der gewaltigen Fortschritte überhaupt erfolgreich sein wird, ist nicht garantiert.“
In vier Gebieten am Stadtrand von Lucknow hat Boseley rund 200 Fabriken mit Ziegelbrennöfen gezählt, wo tausende von Wanderfamilien mit der Ziegelherstellung beschäftigt sind. In der Regenzeit ziehen sie weiter – und nehmen das Virus mit. In einigen dieser Fabriken sind Besuche von Impfteams dokumentiert, in anderen hat man sie noch nie zu Gesicht bekommen.


